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80. Ausgabe - Oktober 2026
Möglichst lange gesund bleiben
Longevity erforscht das Altern, Salutogenese fragt nach den Quellen unserer Gesundheit.

Medizin, Hygiene und bessere Lebensbedingungen tragen seit etwa 200 Jahren dazu bei, die Lebenserwartung über Generationen zu steigern. Doch mit jedem gewonnenen Lebensjahr stellt sich eine zweite Frage. Wie viele dieser Jahre verbringen wir gesund, selbstständig und mit Freude am Leben? Dafür gibt es einen Begriff, der zunehmend in den Mittelpunkt rückt. Die Gesundheitsspanne. Gemeint ist die Zeit unseres Lebens, in der wir nicht nur leben, sondern körperlich und geistig möglichst gut funktionieren.
Die moderne Longevity-Forschung (Langlebigkeit) beschäftigt sich mit genau dieser Frage. Forschende untersuchen, warum Zellen altern, welche Rolle Gene, Stoffwechsel oder Entzündungsprozesse spielen und ob sich Alterung beeinflussen lässt. Gemessen werden Blutwerte, Stuhl, körperliche Leistungsfähigkeit und andere biologische Merkmale. Manche Ansätze beschäftigen sich mit Medikamenten und Wirkstoffen. Vieles davon sind neueste Erkenntnisse in der Forschung. Nicht alles, was heute unter dem modernen Schlagwort Longevity angeboten wird, ist allerdings bereits wissenschaftlich belegt.
Was hält uns gesund?
Diese Frage stellte sich der Medizinsoziologe Aaron Antonovsky. Ende der 1970er-Jahre entwickelte er den Gedanken der Salutogenese. Während Medizin häufig danach fragt, warum Menschen krank werden, wollte er wissen, was Menschen trotz Belastungen gesund hält. Gesundheit und Krankheit waren für ihn keine zwei voneinander getrennten Zustände. Wir bewegen uns im Laufe unseres Lebens immer wieder zwischen beiden.
Im Mittelpunkt steht das sogenannte Kohärenzgefühl. Das Wort klingt komplizierter, als der Gedanke ist. Menschen können nach Antonovskys Modell besser mit Belastungen umgehen, wenn sie ihr Leben als verständlich, bewältigbar und sinnvoll erleben. Verstehe ich, was mit mir geschieht und habe ich Möglichkeiten und Menschen, die mir helfen, damit umzugehen? Und gibt es etwas, für das es sich lohnt, Kraft einzusetzen? Salutogenese verspricht damit kein Leben ohne Krankheit oder Stress. Stress gehört zum Leben. Unser Körper kann kurzfristig erstaunlich gut darauf reagieren. Schwieriger wird es, wenn Anspannung zum Dauerzustand wird und Erholung fehlt.
Sich wieder selbst spüren
Genau hier lohnt es sich, wieder stärker auf den eigenen Körper zu hören. Bin ich müde? Schlafe ich ausreichend? Tut mir mein Alltag gut? Wann fühle ich mich angespannt und wann ruhig? Sich selbst zu spüren klingt wenig spektakulär. Es kann aber der Anfang dafür sein, Belastungen überhaupt wahrzunehmen und etwas zu verändern. Heute können Uhren unseren Puls messen, Schritte zählen und unseren Schlaf beobachten. Solche Daten können hilfreich sein. Doch eine Uhr weiß nicht, ob wir morgens gerne aufstehen. Ein Laborwert kann etwas über unseren Körper verraten, aber nicht, ob wir mit unserem Leben zufrieden sind. Die Technik kann Hinweise geben, doch Gesundheit entsteht nicht allein im Körper. Beziehungen und unsere Umgebung spielen ebenfalls eine Rolle. Die Weltgesundheitsorganisation versteht gesundes Altern deshalb nicht einfach als Abwesenheit von Krankheit. Entscheidend ist auch, ob Menschen weiterhin das tun können, was ihnen wichtig ist. Dazu gehören auch Bewegung, Entscheidungen treffen, Beziehungen pflegen und am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.
Damit kommen sich Longevity und Salutogenese näher, als es zunächst scheint. Bewegung ist dafür ein gutes Beispiel. Sie unterstützt Herz, Muskeln und Knochen, senkt das Risiko verschiedener Erkrankungen und kann auch Schlaf und psychisches Wohlbefinden verbessern. Ausgewogene Ernährung, Erholung und soziale Kontakte gehören ebenfalls zu den Faktoren, die gesundes Altern unterstützen. Besonders die Bedeutung von Begegnung wird inzwischen stärker beachtet. Soziale Verbindungen sind wichtig für körperliche und psychische Gesundheit. Einsamkeit und soziale Isolation können Gesundheit und Lebensqualität beeinträchtigen.
Gesundheit beginnt früher
Vielleicht müssen wir unserer Gesundheit mehr Aufmeksamkeit schenken. Nicht erst, wenn ein Laborwert auffällig wird oder eine Krankheit diagnostiziert wird. Was essen wir? Wie bewegen wir uns? Schlafen wir genug? Haben wir Menschen, mit denen wir gerne zusammen sind? Gibt es Aufgaben, die uns Freude machen und unserem Leben Sinn geben? Und erlauben wir uns Zeiten, in denen wir nicht funktionieren müssen?
Dabei geht es nicht darum, jeden Tag noch eine weitere Gesundheitsaufgabe zu erfüllen. Wer aus Ernährung, Bewegung, Schlaf und Entspannung ein neues Pflichtprogramm macht, kann sich damit den nächsten Stress schaffen. Gesundheit erhalten bedeutet, die eigenen Bedürfnisse wahrzunehmen und ein Gleichgewicht zu finden.
Longevity kann uns helfen zu verstehen, was beim Altern in unserem Körper geschieht. Salutogenese erinnert uns daran, dass Gesundheit auch damit zusammenhängt, wie wir mit unserem Leben und seinen Belastungen umgehen. Die Wissenschaft kann unseren Körper immer genauer erforschen. Den Alltag, in dem dieser Körper lebt, müssen wir trotzdem selbst gestalten.
Vielleicht ist deshalb nicht die größtmögliche Zahl auf der Geburtstagstorte das spannendste Ziel. Entscheidend ist, wie lange wir unser Leben selbst gestalten, Menschen begegnen, neugierig bleiben und die Dinge tun können, die uns wichtig sind.
Gesundheit beginnt nicht erst, wenn wir krank werden. Sie beginnt jeden Tag.
Oktober 25
Anker 1
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