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72. Ausgabe - Dezember 2025

Der Glaube an Ordnung und Gerechtigkeit

Perchta, Räuchern und das alte Bedürfnis nach Gerechtigkeit

Die Tage zwischen dem 21. Dezember und Heilig Dreikönig gelten seit Jahrhunderten als besondere Zeit. Alte Überlieferungen berichten davon, dass in diesen Nächten Übergänge vom Ende zum Anfang spürbarer sind als sonst. Die Rauhnächte, einst ein selbstverständlicher Teil der bäuerlichen Kultur, erleben heute eine bemerkenswerte Wiederkehr. Menschen räuchern ihre Wohnungen, entzünden Harze und Kräuter und suchen bewusst nach Momenten der Sammlung. Was lange als Aberglaube abgetan wurde, erhält neue Aufmerksamkeit.

Die moderne Mikrobiologie kann heute erklären, warum einige dieser alten Praktiken nicht völlig aus der Luft gegriffen sind. Bestimmte Pflanzenstoffe setzen beim Verbrennen nachweislich antibakterielle und pilzhemmende Substanzen frei. Salbei, Wacholder, Beifuß oder Fichtenharz enthalten ätherische Verbindungen, die die Keimbelastung in Innenräumen senken können. Hinzu kommt der Effekt des bewussten Lüftens. Beim Räuchern werden Türen und Fenster geöffnet, der Rauch zieht ab, die Luft wird ausgetauscht. Reinigung hatte also stets auch eine ganz praktische Dimension.

Im Zentrum der Rauhnächte steht jedoch weniger das Räucherwerk als eine Sagengestalt. Frau Perchta. Sie wacht in den alten Erzählungen über Ordnung, Maß und Fleiß. Mal erscheint sie als strahlende Beschützerin, mal als strenge Richterin, die den Menschen einen Spiegel vorhält. Volkskundler sehen in ihr eine sehr alte Mutterfigur des Alpenraums, verwandt mit Frau Holle, jedoch ursprünglicher, rauer und weniger gezähmt. Beide belohnen jene, die ihre Pflichten erfüllen, und mahnen die, die sie vernachlässigen.

Die Geschichten über die dunkle Perchta gehören zu den eindrücklichsten des Winterbrauchtums. Wer faul ist, wer Unordnung schafft oder die Regeln der Rauhnächte missachtet, dem fährt sie der Sage nach mit scharfem Messer über den Bauch, entfernt das Schlechte und füllt ihn mit Stroh oder Steinen wieder auf. Ein drastisches Bild, das weniger als Drohung zu verstehen ist, sondern als Sinnbild der Reinigung und Erneuerung. Es beschreibt den Wunsch, das Alte abzustreifen und mit neuer Ordnung in das kommende Jahr zu gehen. Selbst alltägliche Regeln waren davon geprägt. Wer bis zum Beginn der Rauhnächte geliehene Dinge nicht zurückgegeben hatte, musste mit Strafe rechnen.

Belohnung und Strafe waren dabei keine Märchenelemente, sondern Teil eines sozialen Regelwerks. Die helle Perchta bringt Glück, Frieden und ein gutes Jahr. Die dunkle mahnt zur Ordnung. Zwischen diesen Polen bewegte sich das Leben vieler Generationen. Die Figur verkörperte eine höhere Instanz, die über das Handeln der Menschen wachte. Sie prägte das Gewissen, lange bevor es staatliche Kontrolle oder schriftlich fixierte Regeln gab.

Vielleicht erklärt genau dieses Bedürfnis nach einer ordnenden Macht, warum alte Rituale heute wieder an Bedeutung gewinnen. In einer Zeit, in der traditionelle religiöse Bindungen schwächer werden und viele Menschen aus der Kirche austreten, fehlt manchen eine Instanz, die Schuld, Verantwortung und Vergebung einordnet. Auch die christliche Liturgie kennt das Räuchern. Weihrauch wird seit Jahrhunderten verwendet, um Räume zu reinigen, das Gebet sichtbar zu machen und dem Göttlichen näherzukommen. Dass dabei fast ausschließlich Weihrauch genutzt wird, hat praktische und symbolische Gründe. Er brennt gleichmäßig, wirkt leicht desinfizierend und steht in der christlichen Tradition für Opfer, Reinigung und Aufstieg.

Dass Menschen heute wieder zu Kräutern greifen und Rauhnachtsrituale pflegen, lässt sich auch als Suche nach Ersatz lesen. Nach einer Ordnung jenseits von Alltag und Beschleunigung. Nach Ritualen, die das Gewissen schärfen und Halt geben. Wer räuchert, unterbricht bewusst den Fluss des Alltags. Man öffnet die Tür, lässt den Rauch hinausziehen und schließt sie wieder. Zurück bleibt oft das Gefühl, leichter in das neue Jahr zu gehen.
     
                                                                           fn   

Anker 1
Oktober 25
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